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Die Begegnung zweier Musikliebhaber. Der eine: Richard Clayderman. Er
gehört zu den erfolgreichsten Künstlern der Welt mit über 120 Millionen
verkauften Tonträgern in 38 Ländern. Sein Welthit „Ballade pour Adeline“
machte ihn weltberühmt, verkaufte sich alleine weltweit über 22 Millionen
mal und brachte ihm einen Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde ein.
Der andere: Michael Leicher, TV-Star und Boulevardgröße mit Hang zur
Öffentlichkeit, Sammler elektronische Orgeln, Verehrer der Ikonen der
Unterhaltungsmusik und ungekrönter Talkshowkönig im deutschen
Medienzirkus.
Paris, im Herbst 2005. Die letzten Blätter fallen auf den vornehmen
Boulevard. Richard Clayderman hat es sich in seiner Wohnung unweit des
Eifelturms bequem gemacht. Auf knapp 300 Quadratmetern residiert er hier
in der französischen Hauptstadt, zudem hat er noch diverse Wohnsitze in
der Normandie und in Südfrankreich. Vor allem die geschmackvolle
Einrichtung und der Mix aus Antiquitäten und moderner Kunst fallen auf.
„Ich bringe immer etwas von meinen Reisen mit, liebe es, stundenlang durch
Antiquariate und Shops zu stöbern“, so der Künstler, dessen Studio über
260 goldene und über 70 Platinschallplatten zieren.
ML (Michael Leicher): Herr Clayderman, es ist ruhig um Sie geworden ….
RC (Richard Clayderman): Das täuscht, denn ich stehe noch immer an knapp
200 Tagen im Jahr auf der Bühne. In wenigen Wochen spiele ich in Paris ein
großes Konzert, die Verhandlungen über Auftritte in Deutschland im
nächsten Jahr laufen. Ich hoffe, dass es klappt, denn das deutsche
Publikum hat mich immer sehr gut behandelt. Die deutschen Fans sind sehr
treu und ich erhalte nach all den Jahren immer noch sehr viel Fanpost. Ich
mag Deutschland und habe viele schöne Erinnerungen an meine Konzerte dort.
Die Hallen, die Organisation – es ist immer alles sehr perfekt. Und das
Publikum hat wirkliches Interesse an der Musik. Die Menschen lassen sich
begeistern, sich verzaubern. Das imponiert mir. Unmittelbar nach diesem
Termin mit Ihnen fliege ich für zwei Konzerte nach Ungarn. Und vor einigen
Tagen habe ich eine sehr erfolgreiche Tournee durch Asien und Kanada
beendet. Ich tauche nicht mehr so häufig in den Medien auf, aber ich bin
noch immer sehr aktiv.
ML: Wie sind Sie zur Musik gekommen?
RC: Ich war immer schon sehr musikalisch, mir wurde die Liebe zur Musik in
die Wiege gelegt. Schon als sechsjähriger hat mir mein Vater den ersten
Klavierunterricht erteilt. Mein Vater war Klavierlehrer, er wollte, dass
ich ein Instrument erlerne. Er hat es mir sehr gut beigebracht, mit
Disziplin, aber nicht mit Strenge. Nach der Schule habe ich dann
professionell als Musiker gearbeitet. Natürlich waren die Anfänge meiner
Karriere sehr bescheiden. Ich hatte kaum Geld, keine Aufträge. Aller
Anfang ist schwer, aber ich habe mich nicht abhalten lassen. Meine Eltern
waren sehr musikalisch und ich glaube, dass die musikalische Früherziehung
sehr wichtig ist für die Gesellschaft. Ich habe immer das Beispiel meiner
Eltern vor Augen.
ML: Können Sie sich noch an die Anfänge Ihrer Karriere erinnern?
RC: Ich hatte meinen Traum vor Augen. Das ist es, was man braucht. Jeder
Anfang ist schwer und natürlich habe ich hunderte von Konzerten in Kneipen
gespielt, zu denen kaum Besucher gekommen sind. Oftmals waren es auch
betrunkene Gäste der Kneipen, in denen wir auftraten. Aber man darf sich
nicht entmutigen lassen. Das kann ich nur jedem Musiker raten. Man muss
ein dickes Fell haben und sich nie hängen lassen. Ich habe immer mein
Bestes geben wollen – ob vor fünf oder fünfzigtausend Besuchern. Musik ist
eine Leidenschaft und das Feuer darf nicht erlöschen.
ML: Sie haben zahlreiche Preise gewonnen. Was bedeuten Ihnen die
Auszeichnungen?
RC: Ich freue mich über jede Auszeichnung, über jeden Preis. Diese
Ehrungen bestätigen mich in meiner Arbeit und spornen mich an.
ML: Besteht nicht auch die Gefahr der Überheblichkeit ….
RC: Mein Umfeld hält mich auf dem Boden der Tatsachen. Ich habe mich nie
als Star gefühlt. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich keine Allüren
zeige. Es war sehr schwierig, denn unmittelbar nach dem Erfolg von
„Ballade pour Adeline“ stand ich weltweit im Mittelpunkt. Der
amerikanische Präsident Ronald Reagan und Mrs. Reagan luden mich ein, ich
hatte Verpflichtungen auf der ganzen Welt. Ich logierte in den besten
Hotels, hatte die größten Autos. Aber ich habe mich immer dem Starrummel
verweigert. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Mein Elternhaus war
mir immer präsent. So sehe ich es heute noch. Ich bin dankbar, dass ich
von meiner Musik leben kann. Aber ich brauche den Luxus nicht. Ich bin ein
glücklicher Mensch. Natürlich bin ich stolz auf das Erreichte. Ich habe
interessante Menschen getroffen, fast jedes Land der Erde besucht, eine
TV-Show in China mit über 800 Millionen Zuschauern gespielt. Das ist
wunderbar. Und ich habe tolle Fans, Menschen, die mir sehr treu sind. Ich
weiß, wie vergänglich Ruhm ist. Es kann morgen vorbei sein.
ML: Wo sind Ihre goldenen Schallplatten und zahlreiche Auszeichnungen?
RC: Alle meine goldenen Platten, die Platinauszeichnungen, die Awards
stehen nicht in meinen Häusern. Ich will mich damit nicht umgeben, ich
will bewusst nicht jeden Tag die Preise vor Augen haben. Ich habe diese
Ehrungen in mein Studio, in die Büros meiner Agentur verbannt. Das hilft
mir, den Kopf freizuhalten.
ML: Haben Sie jemals in Las Vegas gespielt?
RC: Nein, das wäre in der Tat noch ein großer Wunsch von mir. Ich liebe
diese Stadt und die wunderbar inszenierten Shows. Ich bin oft in Las
Vegas.
ML: Wie denken Sie über mein großes Vorbild – über den Entertainer
Liberace?
RC: Er war ein Unikum in der Musikwelt, ein begabter Musiker, der
allerdings für meinen Geschmack immer etwas zu viel Wert auf sein
Auftreten gelegt hat. Meines Wissens nach war er ein Mitbegründer des
amerikanischen Showbiz und in Las Vegas über 30 Jahre lang sehr
erfolgreich. Die Kostüme, der Schmuck, die Hermelinpelze, Liberace hat es
verstanden, sich in Szene zu setzen. Seine Show war aber nur in den USA
erfolgreich, was beweist das das amerikanische Showbiz nicht pauschal
überall erfolgreich ist. Liberace war auch ein sehr guter Komödiant auf
der Bühne. Ich konzentriere mich lieber auf meine Musik. Es traf mich sehr
als er 1987 unerwartet starb.
ML: Der Hit „Ballade pour Adeline“ war Ihr Durchbruch ….
RC: Oh ja, alleine in Deutschland verkaufte sich die „Ballade pour
Adeline“ über 900.000 mal. Das war der absolute Durchbruch weltweit.
Insgesamt habe ich knapp 120 Millionen Tonträger in über 40 Ländern der
Erde verkauft. Das ist einmalig in der Musikgeschichte. Sehr viel habe ich
meinem Manager Olivier Toussaint (Delphin Records) zu verdanken, mit dem
ich noch immer zusammen arbeite. Wir sind seit über 25 Jahren ein gutes
Team. Unsere Zusammenarbeit hat sich in all’ den Jahren bewährt. Ich habe
ein Team von Menschen, denen ich vertraue und mit denen ich gerne
zusammenarbeite. Ich bin ein sehr schüchterner Mensch. Ich brauche
Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Denen ich vertrauen kann.
ML: Wer ist Adeline? Gibt es sie wirklich?
RC: Und wie: Adeline ist die Tochter von Paul de Senneville einem
Bekannten meines Managers Olivier Toussaint. Aus Freude über die Geburt
seiner Tochter hat Paul den Song komponiert. Nun suchte er einen
Interpreten, der den Song am Flügel spielen sollte und fragte meinen
Manager, ob er jemanden kenne. Olivier rief mich an und bot mir den Song
an, so kam ich zu diesem Welterfolg.
ML: Sie gelten als sehr romantischer Musiker ….
RC: Ich glaube, dass dieses Bild meiner Persönlichkeit entspricht. Ich bin
ein zurückhaltender Mensch, sehr ruhig. Und es stört mich nicht, wenn die
Medien dies über mich schreiben. Ich bin ein ewiger Optimist, glaube an
das Gute im Menschen. Die Welt ist so düster, die Terroranschlage, die
Kriege, das Elend – ich bin sehnsüchtig nach Menschlichkeit.
ML: Sie gelten als der „Prinz der Romantik“ …Stört Sie dieser Titel?
RC: Nein, nicht wirklich. Dieser Titel lastet seit 20 Jahren auf mir. Die
frühere amerikanische First Lady Nancy Reagan nannte mich so, aus lauter
Begeisterung nach einem Charity-Konzert zugunsten Ihrer Stiftung. Es war
ein Kompliment. Und es freut mich noch immer, wenn ich so genannt werde.
Ich schenke den Menschen schöne Stunden durch meine Musik. Warum soll ich
mich dafür schämen? Mir ist aber klar; dass ich nicht die spielerische
Klasse eines Vladimir Horowitz oder Friedrich Gulda u. a. habe.
ML: Wie hat sich das Showbiz in all den Jahren geändert?
RC: Es ist härt geworden, undurchschaubarer. Früher gab es mehr
Möglichkeiten für junge talentierte Künstler, einen Plattenvertrag zu
erhalten. Heute läuft alles nur noch über Beziehungen und eine perfekte
Marketingstrategie. Ich bedaure diese Entwicklung, denn junge Talente
haben kaum noch eine Chance. Ich möchte heute nicht noch einmal anfangen
müssen.
ML: Wird Ihnen Ihr Sohn in Ihren Fußstapfen folgen?
RC: Nein. Ich glaube nicht, auch wenn er gerne Musik hört. Er interessiert
sich mehr für Basketball und Fußball. Aber ich übe keinen Druck aus. Wenn
er sich für die Musik entscheidet, dann unterstütze ich ihn. Ansonsten
kann er sich immer auf mich verlassen, egal welchen Beruf er wählt. Man
darf niemanden zur Musik zwingen.
ML: Sie leben von Ihrer Frau getrennt. Läuft die Scheidung?
RC: Wir sind getrennt, aber Scheidung ist zurzeit kein Thema. Jeder führt
sein eigenes Leben, aber wir gehen mit freundschaftlichem Respekt
miteinander um. Das ist wichtig. Wir haben schöne Zeiten miteinander
erlebt. Die Erinnerungen an die glücklichen Jahre überwiegen. Natürlich
leben wir getrennt, denn wir haben uns anders entwickelt. Aber wir sind
keine Feinde. Wir mögen uns, telefonieren regelmäßig, sehen uns bei
Gelegenheit.
ML: Gibt es ein Leben neben der Musik?
RC: Ich jogge sehr viel, treibe Sport besonders Tennis, und interessiere
mich für Kunst. Ich trainiere zurzeit für einen Marathon, das ist mein
großes Ziel. Ich treffe mit gerne mit Freunden, liebe die Kommunikation
und den Austausch mit anderen Menschen. Mein Freundeskreis ist komplett
unterschiedlich, keine Musiker, keine Prominenten. Auch ich brauche
gelegentlich Urlaub von der Musik.
ML: Üben Sie täglich am Flügel?
RC: Fast täglich. Manchmal ist es mir nicht möglich, wenn ich auf Reisen
bin. Aber direkt vor einem Konzert übe ich immer drei bis vier Stunden. Es
ist wichtig, dass die Finger die nötige Übung bekommen und behalten. Und
für mich ist es eine Form der Entspannung. Musik ist für mich wie eine
Meditation. Ich kann völlig abschalten und den Kopf frei bekommen. Wir
sind ein Teil. Er gehört fast zu meinem Körper, ein wunderbares Gefühl.
ML: Spielen Sie grundsätzlich auf Ihrem eigenen Flügel?
RC: Nein, leider nicht. Mein Traum ist es, dass ich mein Instrument
überall hinnehmen kann. Nach Asien, in die USA, nach Europa. Aber das ist
logistisch nicht nötig. Ich spiele jeden Abend auf einem anderen
Instrument. Das stellt mich immer vor eine große Herausforderung, denn
jedes Instrument ist anders. Ich habe zu meinem Flügel eine besondere
Beziehung aufgebaut. Das klingt verrückt, aber ich bilde mir ein, dass ich
meinen eigenen Flügel in- und auswendig kenne.
ML: Wie viele Instrumente besitzen Sie?
RC: Früher hatte ich drei Flügel, heute habe ich nur noch einen großen
Flügel.
ML: OKEY ist ja vorrangig eine Zeitschrift, die sich mit elektronischen
Instrumenten wie Orgeln und Keyboards beschäftigt. Wie stehen Sie zu
elektronischen Musikinstrumenten?
RC: Die Hammond-Orgel, insbesondere die B-3 ist natürlich auch mir ein
Begriff. Ich bewundere die Technik und sehe immer wieder fasziniert, was
sich im Bereich der elektronischen Instrumente tut. Ich werde mich in
Zukunft verstärkt mit diesen Instrumenten auseinandersetzen, zumal Sie
mich auch durch Ihre riesige Orgelsammlung auf den Geschmack gebracht
haben. Ich hatte früher einige Synthesizer mit denen ich viel
experimentieren konnte. Ich sehe die Zukunft vieler Pianisten in diesem
Bereich, daher bin ich froh, dass es solche Medien, wie OKEY gibt. Sie
geben wertvolle Ratschläge und man erfährt eine Menge – gerade auch über
die faszinierenden, großen elektronischen Orgeln.
ML: Darf ich Ihnen eine Demo-DVD mit Live-Ausschnitten von diversen
Orgelkonzerten zukommen lassen?
RC: Ja, sehr gerne. Ich möchte mehr über diese Instrumente und Ihre
Künstler erfahren. In den Medien ist die elektronische Orgel leider nicht
so präsent wie so manch anderes Instrument.
ML: Wovon träumen Sie in musikalischer Hinsicht?
RC: Mich stört, dass jeder Flügel anders klingt. Ich hätte gerne für meine
Liveauftritte immer denselben Flügel bzw. Klang. Aus logistischen Gründen
ist dieses aber nicht möglich.
ML: Welche Musik hören Sie privat?
RC: Querbeet. Ich mag Pop- und Rockmusik, aber auch Klassik. Gerne höre
ich Elton John, Billy Joel und Klavierkonzerte. Aber ich liebe auch die
Jazzmusik. Das ist ein wunderbares Thema, dem ich mich später noch einmal
annehmen möchte. Ich könnte mir eine Auszeit vorstellen, um eine Zeit lang
nur Jazz-Konzerte zu geben. Die Ursprünge der modernen Musik stammen vom
Jazz ab.
ML: Was bringt die Zukunft für Richard Clayderman?
RC: Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr auf eine große Welttournee gehen
kann. Ich würde gerne meine deutschen Fans wieder sehen, zeigen, dass ich
älter und reifer geworden bin. Mein Repertoire hat sich wesentlich
vergrößert, ich habe viele neue Ideen, die ich umsetzen möchte. Das spürt
man an meinem Klavierspiel. Ich bin voller Energien.
ML: Herr Clayderman, Herzlichen Dank für das Gespräch!
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